...langsam, wie in Zeitlupe überholt mich das Hinterrad ... über mir!

Erzberg Saga 
Ein Bericht von Albert Pucher!

Diese Moritat berichtet von den schrecklichen Folgen, wenn ein Midlife- Krisengeschüttelter fast- Fünfziger seine Familie mit ins Verderben ziehen will: Ruchlose Taten, böses Getöse!

Langsam aber sicher nähert sich das senkrecht nach unten stehende Vorderrad dem Boden. So ein leichtes Schweben, so schwerelos, ja unbeschwert! Alle alltäglichen Sorgen versinken in der absoluten Bedeutungslosigkeit. Und das Geröll unter mir kommt immer näher, und langsam, wie in Zeitlupe überholt mich das Hinterrad...über mir.

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Eigentlich eine Gemeinheit, schon so knapp nach dem Start eine solche Heckschleuder einzubauen. Grad habe ich mich noch gefreut wie ein Schneekönig, den Start der Reihe 7 gewonnen und alle Steilhänge inklusive Waschberge im ersten Versuch bezwungen zu haben, und jetzt das! UR-PEINLICH, vor allen Leuten! Ging nämlich nicht gerade runter, sondern einer Wasserrinne folgend im Slalom. nackter Fels links und rechts, senkrechter Einstieg. Zu Fuss geht da niemand ohne Seil runter. Das Problem: Voll bremsen hätte Kontrollverlust und Querschlagen in die Felsen bedeutet. Und leider hat mir keiner gesagt, dass unten ein zweiter Abbruch lauert, der mich ausgehebelt hat.

So komme ich wenigstens in den Genuss, dass mein Leben wie auf einer Großkino- Leinwand noch mal vor meinem geistigen Auge abläuft. Nur schade, dass es weit und breit kein Popcorn hat: Mit 16 KTM Comet- Moped vom Ferialpraxis- Geld selbst gekauft, monatelang vor Mutti versteckt: Eh klar, denn sie war als Ärztin im Unfallkrankenhaus täglich mit frischem Leitplanken- Aufschnitt zugange. Bremsanker an Gabel selbst geschweisst, an Ampel vor Schule gebrochen, blockiert: Vor allen Leuten über Lenker abgestiegen, UR-PEINLICH!

...zuerst zur Maschine und dann erst bei ihr den Puls gefühlt...

Mit 18 mit Muttis Hilfe erstes Motorrad: Jawa California 350, die Schnellste vom JAWA- Club Wien! Dann CZ 175 mit 15 PS, mit KAWA 750 Auspuff und Auslass- Auffeilen auf 18 PS getuned. Damit etliche Asphalt Kleinslaloms gewonnen. Aber auch die 400 Fehlstunden in der Schule waren sehenswert. Mit 19 Andrea kennengelernt, abgeholt, in erster Kurve am Schotter gestürzt, UR-UR-PEINLICH! Andrea liebt mich trotzdem, und

Albert & Andrea Pucher

besteht schliesslich mit süssen 16 den Eignungstest, eine Pucher zu werden: Drei Runden sturzfrei mit der CZ am Truppenübungsplatz am Wienerberg. Den anschliessenden Salto in den Schützengraben habe ich ihr schliesslich verziehen. Dafür hat sie mir verziehen, dass ich zuerst zur Maschine gelaufen bin und dann erst bei ihr den Puls gefühlt habe.

Kaufen gemeinsam Honda 750, heiraten, im vierten Monat Schwanger auf Hochzeitsreise: Ich 750, sie 400 Honda- Kubik. War super, von Wien bis Genua im Dauerregen! Tja, und anschliessend die 26 Jahre Baby- Pause. Martin kommt zur Welt (warum sagen alle in der Schule dauernd "Papa" zu mir?), Abi, mit 20 (1978) kommt Christian. Honda wird gegen VW Bus getauscht, Funkstille. 26 Jahre voller Action und Spass mit Drachenfliegen, Windsurfen, Speedsurf- Rekord, Andrea wird Vize-

Albert beim golfen

Staatsmeister, dann Karriere und Abstieg zum Golf- Dandy („Küss die Hand, Frau Regierungsrat“). Im Rückblick eigentlich leere, verlorene, weil zweiradlose Zeit. Dann hat die Tragödie schrecklich ihren ruchlosen Lauf genommen:

Im REITWAGEN Motorrad- Magazin endlich die verschollen und ausgestorben geglaubte Motorrad- Club- Sprache wiederentdeckt: Auftutteln (Stürzen), Richten (Überholen), Herbrennen (Versägen), und plötzlich war ich statt 47 wieder 20. Und drei Monate später Besitzer einer 200 EXC und am Erzberg. Im Nu waren sämtliche Sünden wie die blasierte Golf- Noblesse am Berg und im Fels abgebüsst. Der sagenhafte Prozess der Rückverwandlung vom Zombie zum Homo Drehgriff-ensis war vollzogen.

vom Zombie zum Homo Drehgriff-ensis

Aber hätte mich mein grünblau zerschundener Körper und der asymtotisch gegen Null tendierende Wiederverkaufswert meiner 200erter nicht nachdenklich stimmen sollen? Hätte ich mir eigentlich meine Gedanken machen müssen, als der Käufer bei der Übernahme sagte: "Danke für die vielen Ersatzteile, aber wo bitte ist das Bike?" Sollte ich wirklich das Risiko eingehen, dass sich meine neuwertige 520er ebenfalls sekundenschnell in ihre eigene Explosionszeichnung verwandelt? Und: Würde es mir das jüngste Gericht jemals verzeihen, wenn ich mutwillig meine Frau und beide Söhne für diese Orgie aus Fels, Stahl und Blut begeistere?

Ich konnte trotzdem irgendwie den Gedanken nicht ertragen, dass ich alleine meinen Spass habe, und meine Lieben nur zusehen sollten. Ausserdem muss man seine Kids ja von der Strasse holen. Skateboardfahren ohne Helm ist definitiv noch gefährlicher. Bei Martin, meinem älteren Buben (26),

Albert Pucher

spielt jetzt schon jeder Metalldetektor am Flughafen verrückt. Und Christian mein Jüngster (25) hat so eine fatale Schwäche für (ächz!) ...Vespa- Roller. Dem Kind muss doch einer zeigen, was ein Motorrad ist, damit ein richtiger Mann aus ihm wird, oder? Zivilcourage = erste Bürgerpflicht.

Also alle angemeldet (keine Widerrede!), eine zweite 520er gekauft, Gabel und Federbeine um verboten viele Zentimeter tiefer gelegt, und ab mit allen ins Gelände zum Training. Martin hatte am öftesten Zeit, zwei bis viermal die Woche. Volles Steilhang- und Trialprogramm. Furchtlos der Kerl, völlig verrückt, fährt einfach überallhin nach. Auch dort, wo ich eigentlich erst testen will, ob man da überhaupt raufkommt!

Abflug in die Botanik, Bike aufs Knie

Albert Pucher bei der Probefahrt

Einziger Schönheitsfehler: Wenn es mulmig wird, lässt er gerne mal alles los, und so hat sein Bike etliche Meter Flug-, Fahrt- und Rutschstrecke solo hinter sich gebracht. Christian hatte nur ein einziges Mal Zeit dafür: Eine Stunde am Cross- Kurs im Kreis, immer flotter, und kein einziger Sturz! Martin und ich sahen uns betroffen an, und dachten an die zusammen Minimum 100 Hoppalas unserer Karriere. Ich nehme alle Vorurteile gegenüber Vespafahrern zurück und empfehle den Fahrschulen auf Motorroller umzustellen. Denn wer mit den 0-Straßenlage-Schlagloch-Suchgeräten umgehen kann, bezwingt jede Rennmaschine.

Tja, und Andrea, die sportlichste Grossmutti von allen, hat von Anfang an nichts anbrennen lassen. nach drei Tagen im Gelände und am Crosskurs hat sie die Steilkurve schon mit der Dritten packen wollen: Abflug in die Botanik, Bike aufs Knie, Kreuzband hinüber, technisches KO. "Ich fahr trotzdem", ihr Kommentar. Naja, Skorpion mit Steirerblut, was soll man da sagen. Sie weiss selber, dass ein zweiter Sturz aufs Knie höllische Schmerzen mit Ohnmacht bedeuten kann. Alles schon erlebt, war aber gottlob sofort zur Stelle. War auch gut fühlbar gewesen, ihr Puls, und auch ganz enge Pupillen. Alles im Griff.

Also, es gibt ja nix härteres als den Erzberg, die grösste Motorsportveranstaltung Österreichs. Bis auf eines: Die Wartezeit bis dahin.

Aber schliesslich wurde es doch Ende Mai, eine 520er kam hinten aufs Wohnmobil der sportlichsten Urgrossmutti (Turmspringen- Staatsmeister, jetzt 84), die andere in den Oktavia Kombi (jawohl, das

Foto: www.haliklik.at

geht, sogar mit Klappe zu!).

Wir wollten uns gegenseitig filmen, nur letztes Jahr war Papi an den filmenden Söhnen vorbeigestürmt, ohne erkannt zu werden. Lösung dieses Jahr: Hahnenkamm aus recycelter ISO -Matte plus wehende Absperrbänder an den Helm getackert, 100% Erkennungswert garantiert. Da wir nur 2 Bikes haben, starten Martin und ich mit niedrigeren Nummern (563 / 564). Wir wollen uns für das Hare Scramble, den Gipfelsturm in der Direttissima, qualifizieren. Andrea und Christian haben weniger grosse Ambitionen. Damit wir wechseln können, fahren sie mit den hohen Startnummern (1122 / 1123).

[WEITER]

Text: Albert Pucher
Fotos: www.haliklick.at

Erzberg 2003

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enduroabenteuer Ausgabe 4 - 2004
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